03. 01. 2020
Gehörlose will sich im Stadtrat „Gehör verschaffen“
Zeitenwende Heike Heubach tritt in Stadtbergen bei der Kommunalwahl an. Durch eine Mittelohrentzündung hat sie als Säugling ihr Hörvermögen verloren. Doch ihr Motto zieht sich wie ein roter Faden durchs Leben / Serie (5)

Von Sigrid Wagner

Stadtbergen Heike Heubach betritt Neuland und zeigt Mut und Entschlossenheit. Denn: Die 40-Jährige ist die erste und einzige gehörlose Kandidatin für den Stadtrat und tritt im März bei der Kommunalwahl in Stadtbergen für die SPD an. „Ich nehme die Herausforderung an und teste meine Fähigkeiten“, sagt sie und formuliert selbstbewusst ihre Ziele. Sie will sich für eine funktionierende Gemeinschaft von Jung bis Alt einsetzen. „Das ist mir eine Herzensangelegenheit“, sagt sie. Regional sei ihr ein gutes Fahrradwegenetz wichtig.

Allen Schwierigkeiten zum Trotz wagt Heike Heubach den Schritt in die für sie noch unbekannte Welt der Kommunalpolitik. „Ich bin wissensdurstig, lese gerne Bücher und war auf der Suche nach neuen Herausforderungen“, erklärt sie ihre Entscheidung. Als sie gefragt wurde, ob sie sich vorstellen könne, für den Stadtrat zu kandidieren, hätte sie daheim erst einmal nachlesen müssen, welche Anforderungen auf sie zukommen könnten. „Ich war interessiert und ich habe mich gefreut, dass ich gefragt wurde.“ Heike Heubach will sich als Gehörlose „Gehör verschaffen“ und zeigt sich kämpferisch. „Niemals aufgeben“, lautet ihr Motto und das zieht sich wie ein roter Faden durch ihr bisheriges Leben.

Geboren und aufgewachsen ist Heike Heubach am Rande des Schwarzwaldes im Neckartal. Sehr früh merkten die Eltern und die Oma, dass das Kind auf Geräusche nicht reagierte und suchten mehrfach Ärzte auf. Im Alter von neun Monaten wurde an der Uniklinik Tübingen das Problem erkannt. Heike Heubach ist taub, vermutlich durch eine Mittelohrentzündung kurz nach der Geburt.

Für die Eltern war die Diagnose ein Schock, denn die ganze Familie ist hörend. An die Kindheit mit ihren beiden jüngeren Brüdern erinnert sie sich gerne. „Es war eine schöne Zeit“, erinnert sie sich, denn ihre Eltern hätten sie überall mitgenommen und sie sei wie jedes hörende Kind behandelt worden.

Als 16-Jährige ging sie nach Heidelberg auf eine Wirtschaftsschule und wohnte dort im Internat. „Anfangs hatte ich schrecklich Heimweh, doch nach und nach gewöhnte ich mich an die neue Welt.“ Die Schule sei ihr leichtgefallen und es hätte viele schöne Erlebnisse mit Gleichaltrigen gegeben. Hier lernte sie auch ihren späteren Ehemann kennen, er ist ebenfalls gehörlos.

Heubachs Ziel war das Fachabitur. Sie wechselte daher nach München an die Fachoberschule für Wirtschaft für Gehörlose. Während der dreijährigen Schulzeit kam die erste Tochter zur Welt. Heubach lernte von zu Hause aus und schaffte trotz der vielen Anforderungen den Abschluss. „Insgesamt blieb ich fünf Jahre daheim bei meinen beiden Töchtern. Ich wollte meine Kinder aufwachsen sehen.“ Ihre Töchter sind hörend.

Nach dem Abschluss überlegte die zweifache Mutter, ob ein Studium oder eine Berufsausbildung für sie möglich wären. Sie schrieb mehr als 100 Bewerbungen. Ohne Erfolg. Es sei ziemlich frustrierend gewesen, all die Absagen im Briefkasten vorzufinden. Doch dann kam ihre Chance. Unter 2500 Bewerbern setzte sie sich durch und bekam einen Ausbildungsplatz als Industriekauffrau bei einem bayerischen Energiekonzern.

„In der Berufsschule hatte ich erstmals einen Gebärdensprachdolmetscher nur für mich und daher war das Lernen dort prima“, sagt sie. Endlich hätte sie alles verstehen und dem Unterricht problemlos folgen können. Als einzige Gehörlose unter ihren hörenden Mitschülern sei sie gut zurechtgekommen, schaffte ihren Berufsabschluss und erhielt danach an einen Zeitvertrag eine unbefristete Festanstellung.

Heute sagt sie, dass sie das Kämpfen lernen musste, denn immer wieder hätte sie ihre Rechte einfordern und auf Gleichbehandlung pochen müssen. Heute noch empfindet es Heike Heubach als unfair, dass Einsätze im Privatbereich selbst bezahlt werden müssen, weshalb oftmals darauf verzichtet wird. Schließlich koste eine Stunde derzeit 75 Euro, dazu kämen noch die Kosten für die gefahrenen Kilometer. Schnell seien bei einem Dolmetschereinsatz 200, 300 Euro und mehr fällig. Lediglich für Arztbesuche, Schule und Beruf gebe es eine Kostenübernahme. Dass sich auch hier etwas ändert, dafür möchte sie gemeinsam mit Hörenden an einem Strang ziehen.

Zwar haben es gehörlose Menschen in einer Welt, die für Hörende eingerichtet ist, schwer. Sie müssen vom Mund ablesen und das erfordere eine hohe Konzentrations- und Kombinationsfähigkeit. Und trotzdem wagt Heike Heubach die Kandidatur für den Stadtrat. Denn ihr Motto lautet schließlich: „Niemals aufgeben.“

Heike Heubach ist gerne in der Natur unterwegs. Sie läuft Halbmarathon und rund um Stadtbergen gibt es perfekte Trainingswege für sie. Fotos: Sigrid Wagner